259
Prolog im Himmel.
260
Der Herr, die himmlischen Heerscharen, nachher Mephistopheles.
261
Die drey Erzengel treten vor.
262
Raphael.
263
Die Sonne tönt, nach alter Weise,
264
In Brudersphären Wettgesang,
265
Und ihre vorgeschriebne Reise
266
Vollendet sie mit Donnergang.
267
Ihr Anblick giebt den Engeln Stärke,
268
Wenn keiner sie ergründen mag.
269
Die unbegreiflich hohen Werke
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Sind herrlich wie am ersten Tag.
271
Gabriel.
272
Und schnell und unbegreiflich schnelle
273
Dreht sich umher der Erde Pracht;
274
Es wechselt Paradieses-Helle
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Mit tiefer schauervoller Nacht;
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Es schäumt das Meer in breiten Flüssen
277
Am tiefen Grund der Felsen auf,
278
Und Fels und Meer wird fortgerissen
279
In ewig schnellem Sphärenlauf.
280
Michael.
281
Und Stürme brausen um die Wette
282
Vom Meer aufs Land vom Land aufs Meer,
283
Und bilden wüthend eine Kette
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Der tiefsten Wirkung rings umher.
285
Da flammt ein blitzendes Verheeren
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Dem Pfade vor des Donnerschlags.
287
Doch deine Boten, Herr, verehren
288
Das sanfte Wandeln deines Tags.
289
Zu Drey.
290
Der Anblick giebt den Engeln Stärke
291
Da keiner dich ergründen mag,
292
Und alle deine hohen Werke
293
Sind herrlich wie am ersten Tag.
294
Mephistopheles.
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Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst
296
Und fragst wie alles sich bey uns befinde,
297
Und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst;
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So siehst du mich auch unter dem Gesinde.
299
Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
300
Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt;
301
Mein Pathos brächte dich gewiß zum lachen,
302
Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt.
303
Von Sonn' und Welten weiß ich nichts zu sagen,
304
Ich sehe nur wie sich die Menschen plagen.
305
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
306
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
307
Ein wenig besser würd' er leben,
308
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
309
Er nennts Vernunft und braucht's allein
310
Nur thierischer als jedes Thier zu seyn.
311
Er scheint mir, mit Verlaub von Ew. Gnaden,
312
Wie eine der langbeinigen Cicaden,
313
Die immer fliegt und fliegend springt
314
Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt;
315
Und läg' er nur noch immer in dem Grase!
316
In jeden Quark begräbt er seine Nase.
317
Der Herr.
318
Hast du mir weiter nichts zu sagen?
319
Kommst du nur immer anzuklagen?
320
Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?
321
Mephistopheles.
322
Nein Herr! ich find' es dort, wie immer, herzlich schlecht.
323
Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,
324
Ich mag sogar die Armen selbst nicht plagen.
325
Der Herr.
326
Kennst du den Faust?
327
Mephistopheles.
328
Den Doctor?
329
Der Herr.
330
Meinen Knecht!
331
Mephistopheles.
332
Fürwahr! er dient euch auf besondre Weise.
333
Nicht irdisch ist des Thoren Trank noch Speise.
334
Ihn treibt die Gährung in die Ferne,
335
Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;
336
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne,
337
Und von der Erde jede höchste Lust,
338
Und alle Näh' und alle Ferne
339
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.
340
Der Herr.
341
Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient;
342
So werd' ich ihn bald in die Klarheit führen.
343
Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,
344
Daß Blüt' und Frucht die künft'gen Jahre zieren.
345
Mephistopheles.
346
Was wettet ihr? den sollt ihr noch verlieren!
347
Wenn ihr mir die Erlaubniß gebt
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Ihn meine Straße sacht zu führen.
349
Der Herr.
350
So lang' er auf der Erde lebt,
351
So lange sey dir's nicht verboten.
352
Es irrt der Mensch so lang er strebt.
353
Mephistopheles.
354
Da dank' ich euch; denn mit den Todten
355
Hab' ich mich niemals gern befangen.
356
An[Am] meisten lieb' ich mir die vollen frischen Wangen.
357
Für einen Leichnam bin ich nicht zu Haus;
358
Mir geht es wie der Katze mit der Maus.
359
Der Herr.
360
Nun gut, es sey dir überlassen!
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Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,
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Und führ' ihn, kannst du ihn erfassen,
363
Auf deinem Wege mit herab,
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Und steh' beschämt, wenn du bekennen mußt:
365
Ein guter Mensch, in seinem dunkeln Drange,
366
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.
367
Mephistopheles.
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Schon gut! nur dauert es nicht lange.
369
Mir ist für meine Wette gar nicht bange.
370
Wenn ich zu meinem Zweck gelange,
371
Erlaubt ihr mir Triumph aus voller Brust.
372
Staub soll er fressen, und mit Lust,
373
Wie meine Muhme, die berühmte Schlange.
374
Der Herr.
375
Du darfst auch da nur frey erscheinen;
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Ich habe deines gleichen nie gehaßt.
377
Von allen Geistern die verneinen
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Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
379
Des Menschen Thätigkeit kann allzuleicht erschlaffen,
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Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
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Drum geb' ich gern ihm den Gesellen zu,
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Der reizt und wirkt, und muß, als Teufel, schaffen.
383
Doch ihr, die ächten Göttersöhne,
384
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
385
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
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Umfaß' euch mit der Liebe holden Schranken,
387
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
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Befestiget mit dauernden Gedanken.
389
Der Himmel schließt, die Erzengel vertheilen sich,
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Mephistopheles allein.
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Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern,
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Und hüte mich mit ihm zu brechen.
393
Es ist gar hübsch von einem großen Herrn
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So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.
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