3262
Abend.
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Ein kleines reinliches Zimmer.
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Margarete.
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(ihre Zöpfe flechtend und aufbindend.)
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Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüßt',
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Wer heut der Herr gewesen ist!
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Er sah gewiß recht wacker aus,
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Und ist aus einem edlen Haus;
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Das konnt' ich ihm an der Stirne lesen --
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Er wär' auch sonst nicht so keck gewesen.
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(ab.)
3273
Mephistopheles. Faust.
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Mephistopheles.
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Herein, ganz leise, nur herein!
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Faust nach einigem Stillschweigen.
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Ich bitte dich, laß mich allein!
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Mephistopheles herumspürend.
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Nicht jedes Mädchen hält so rein.
3280
(ab.)
3281
Faust (rings aufschauend.)
3282
Willkommen süßer Dämmerschein!
3283
Der du dieß Heiligthum durchwebst.
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Ergreif mein Herz, du süße Liebespein!
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Die du vom Thau der Hoffnung schmachtend lebst.
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Wie athmet rings Gefühl der Stille,
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Der Ordnung, der Zufriedenheit!
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In dieser Armuth welche Fülle!
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In diesem Kerker welche Seligkeit!
3290
(Er wirft sich auf den ledernen Sessel am Bette.)
3291
O nimm mich auf! der du die Vorwelt schon
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Bey Freud' und Schmerz in offnen Arm empfangen!
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Wie oft, ach! hat an diesem Väter-Thron
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Schon eine Schaar von Kindern rings gehangen!
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Vielleicht hat, dankbar für den heil'gen Christ,
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Mein Liebchen hier, mit vollen Kinderwangen,
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Dem Ahnherrn fromm die welke Hand geküßt.
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Ich fühl', o Mädchen, deinen Geist
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Der Füll' und Ordnung um mich säuseln,
3300
Der mütterlich dich täglich unterweis't,
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Den Teppich auf den Tisch dich reinlich breiten heißt,
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Sogar den Sand zu deinen Füßen kräuseln.
3303
O liebe Hand! so göttergleich!
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Die Hütte wird durch dich ein Himmelreich.
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Und hier!
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(Er hebt einen Bettvorhang auf.)
3307
Was faßt mich für ein Wonnegraus!
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Hier möcht' ich volle Stunden säumen.
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Natur! Hier bildetest in leichten Träumen
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Den eingebornen Engel aus;
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Hier lag das Kind! mit warmem Leben
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Den zarten Busen angefüllt,
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Und hier mit heilig reinem Weben
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Entwirkte sich das Götterbild!
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Und du! Was hat dich hergeführt?
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Wie innig fühl' ich mich gerührt!
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Was willst du hier? Was wird das Herz dir schwer?
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Armsel'ger Faust! ich kenne dich nicht mehr.
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Umgiebt mich hier ein Zauberduft?
3320
Mich drang's so g'rade zu genießen,
3321
Und fühle mich in Liebestraum zerfließen!
3322
Sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft?
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Und träte sie den Augenblick herein,
3324
Wie würdest du für deinen Frevel büßen!
3325
Der große Hans, ach wie so klein!
3326
Läg', hingeschmolzen, ihr zu Füßen.
3327
Mephistopheles.
3328
Geschwind! ich seh' sie unten kommen.
3329
Faust.
3330
Fort! Fort! Ich kehre nimmermehr!
3331
Mephistopheles.
3332
Hier ist ein Kästchen leidlich schwer,
3333
Ich hab's wo anders hergenommen.
3334
Stellt's hier nur immer in den Schrein,
3335
Ich schwör' euch, ihr vergehn die Sinnen;
3336
Ich that euch Sächelchen hinein,
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Um eine andre zu gewinnen.
3338
Zwar Kind ist Kind und Spiel ist Spiel.
3339
Faust.
3340
Ich weiß nicht, soll ich?
3341
Mephistopheles.
3342
Fragt ihr viel?
3343
Meint ihr vielleicht den Schatz zu wahren?
3344
Dann rath' ich eurer Lüsternheit
3345
Die liebe schöne Tageszeit,
3346
Und mir die weitre Müh' zu sparen.
3347
Ich hoff' nicht daß ihr geitzig seyd!
3348
Ich kratz' den Kopf, reib' an den Händen --
3349
(Er stellt das Kästchen in den Schrein und drückt das Schloß wieder zu.)
3350
Nur fort! geschwind! --
3351
Um euch das süße junge Kind
3352
Nach Herzens Wunsch und Will' zu wenden;
3353
Und ihr seht drein,
3354
Als solltet ihr in den Hörsal hinein,
3355
Als stünd' leibhaftig vor euch da
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Physik und Metaphysika!
3357
Nur fort! --
3358
(ab.)
3359
Margarete mit einer Lampe.
3360
Es ist so schwül, so dumpfig hie,
3361
(Sie macht das Fenster auf.)
3362
Und ist doch eben so warm nicht drauß'.
3363
Es wird mir so, ich weiß' nicht wie --
3364
Ich wollt', die Mutter käm' nach Haus.
3365
Mir läuft ein Schauer über'n Leib --
3366
Bin doch ein thöricht furchtsam Weib!
3367
(Sie fängt an zu singen, indem sie sich auszieht.)
3368
Es war ein König in Thule
3369
Gar treu bis an das Grab,
3370
Dem sterbend seine Buhle
3371
Einen goldnen Becher gab.
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Es ging ihm nichts darüber,
3373
Er leert ihn jeden Schmaus;
3374
Die Augen gingen ihm über,
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So oft er trank daraus.
3376
Und als er kam zu sterben,
3377
Zählt' er seine Städt' im Reich,
3378
Gönnt' alles seinem Erben,
3379
Den Becher nicht zugleich.
3380
Er saß beym Königsmahle,
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Die Ritter um ihn her,
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Auf hohem Väter-Saale,
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Dort auf dem Schloß am Meer.
3384
Dort stand der alte Zecher,
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Trank letzte Lebensgluth,
3386
Und warf den heiligen Becher
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Hinunter in die Fluth.
3388
Er sah ihn stürzen, trinken
3389
Und sinken tief ins Meer,
3390
Die Augen thäten ihm sinken,
3391
Trank nie einen Tropfen mehr.
3392
(Sie eröffnet den Schrein, ihre Kleider einzuräumen, und erblickt das Schmuckkästchen.)
3393
Wie kommt das schöne Kästchen hier herein?
3394
Ich schloß doch ganz gewiß den Schrein.
3395
Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne seyn?
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Vielleicht bracht's jemand als ein Pfand,
3397
Und meine Mutter lieh darauf.
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Da hängt ein Schlüsselchen am Band,
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Ich denke wohl, ich mach' es auf!
3400
Was ist das? Gott im Himmel! schau,
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So was hab' ich mein' Tage nicht gesehn!
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Ein Schmuck! Mit dem könnt' eine Edelfrau
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Am höchsten Feiertage gehn.
3404
Wie sollte mir die Kette stehn?
3405
Wem mag die Herrlichkeit gehören?
3406
(Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel.)
3407
Wenn nur die Ohrring' meine wären!
3408
Man sieht doch gleich ganz anders drein.
3409
Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
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Das ist wohl alles schön und gut,
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Allein man läßt's auch alles seyn;
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Man lobt euch halb mit Erbarmen.
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Nach Golde drängt,
3414
Am Golde hängt
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Doch alles. Ach wir Armen!
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