4278
Marthens Garten.
4279
Margarete. Faust.
4280
Margarete.
4281
Versprich mir, Heinrich!
4282
Faust.
4283
Was ich kann!
4284
Margarete.
4285
Nun sag', wie hast du's mit der Religion?
4286
Du bist ein herzlich guter Mann,
4287
Allein ich glaub', du hält'st nicht viel davon.
4288
Faust.
4289
Laß das, mein Kind! du fühlst, ich bin dir gut;
4290
Für meine Lieben ließ' ich Leib und Blut,
4291
Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.
4292
Margarete.
4293
Das ist nicht recht, man muß d'ran glauben!
4294
Faust.
4295
Muß man?
4296
Margarete.
4297
Ach! wenn ich etwas auf dich könnte!
4298
Du ehrst auch nicht die heil'gen Sacramente.
4299
Faust.
4300
Ich ehre sie.
4301
Margarete.
4302
Doch ohne Verlangen.
4303
Zur Messe, zur Beichte bist du lange nicht gegangen.
4304
Glaubst du an Gott?
4305
Faust.
4306
Mein Liebchen, wer darf sagen,
4307
Ich glaub' an Gott?
4308
Magst Priester oder Weise fragen,
4309
Und ihre Antwort scheint nur Spott
4310
Ueber den Frager zu seyn.
4311
Margarete.
4312
So glaubst du nicht?
4313
Faust.
4314
Mißhör' mich nicht, du holdes Angesicht!
4315
Wer darf ihn nennen?
4316
Und wer bekennen:
4317
Ich glaub' ihn.
4318
Wer empfinden?
4319
Und sich unterwinden
4320
Zu sagen: ich glaub' ihn nicht.
4321
Der Allumfasser,
4322
Der Allerhalter,
4323
Faßt und erhält er nicht
4324
Dich, mich, sich selbst?
4325
Wölbt sich der Himmel nicht dadroben?
4326
Liegt die Erde nicht hierunten fest?
4327
Und steigen freundlich blickend
4328
Ewige Sterne nicht herauf?
4329
Schau' ich nicht Aug' in Auge dir,
4330
Und drängt nicht alles
4331
Nach Haupt und Herzen dir,
4332
Und webt in ewigem Geheimniß
4333
Unsichtbar sichtbar neben dir?
4334
Erfüll' davon dein Herz, so groß es ist,
4335
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
4336
Nenn' es dann wie du willst,
4337
Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!
4338
Ich habe keinen Nahmen
4339
Dafür! Gefühl ist alles;
4340
Name ist Schall und Rauch,
4341
Umnebelnd Himmelsgluth.
4342
Margarete.
4343
Das ist alles recht schön und gut;
4344
Ungefähr sagt das der Pfarrer auch,
4345
Nur mit ein Bißchen andern Worten.
4346
Faust.
4347
Es sagen's aller Orten
4348
Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,
4349
Jedes in seiner Sprache;
4350
Warum nicht ich in der meinen?
4351
Margarete.
4352
Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen,
4353
Steht aber doch immer schief darum;
4354
Denn du hast kein Christenthum.
4355
Faust.
4356
Lieb's Kind!
4357
Margarete.
4358
Es thut mir lang' schon weh,
4359
Daß ich dich in der Gesellschaft seh'.
4360
Faust.
4361
Wie so?
4362
Margarete.
4363
Der Mensch, den du da bey dir hast,
4364
Ist mir in tiefer inn'rer Seele verhaßt:
4365
Es hat mir in meinem Leben
4366
So nichts einen Stich in's Herz gegeben,
4367
Als des Menschen widrig Gesicht.
4368
Faust.
4369
Liebe Puppe, fürcht' ihn nicht!
4370
Margarete.
4371
Seine Gegenwart bewegt mir das Blut.
4372
Ich bin sonst allen Menschen gut;
4373
Aber, wie ich mich sehne dich zu schauen,
4374
Hab' ich vor dem Menschen ein heimlich Grauen,
4375
Und halt' ihn für einen Schelm dazu!
4376
Gott verzeih' mir's, wenn ich ihm Unrecht thu'!
4377
Faust.
4378
Es muß auch solche Käuze geben.
4379
Margarete.
4380
Wollte nicht mit seines Gleichen leben!
4381
Kommt er einmal zur Thür herein,
4382
Sieht er immer so spöttisch drein,
4383
Und halb ergrimmt;
4384
Man sieht, daß er an nichts keinen Antheil nimmt;
4385
Es steht ihm an der Stirn' geschrieben,
4386
Daß er nicht mag eine Seele lieben.
4387
Mir wird's so wohl in deinem Arm,
4388
So frey, so hingegeben warm,
4389
Und seine Gegenwart schnürt mir das Inn're zu.
4390
Faust.
4391
Du ahndungsvoller Engel du!
4392
Margarete.
4393
Das übermannt mich so sehr,
4394
Daß, wo er nur mag zu uns treten,
4395
Meyn' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr.
4396
Auch wenn er da ist, könnt' ich nimmer beten,
4397
Und das frißt mir in's Herz hinein;
4398
Dir, Heinrich, muß es auch so seyn.
4399
Faust.
4400
Du hast nun die Antipathie!
4401
Margarete.
4402
Ich muß nun fort.
4403
Faust.
4404
Ach kann ich nie
4405
Ein Stündchen ruhig dir am Busen hängen,
4406
Und Brust an Brust und Seel' in Seele drängen?
4407
Margarete.
4408
Ach wenn ich nur alleine schlief!
4409
Ich ließ dir gern heut Nacht den Riegel offen;
4410
Doch meine Mutter schläft nicht tief,
4411
Und würden wir von ihr betroffen,
4412
Ich wär' gleich auf der Stelle todt!
4413
Faust.
4414
Du Engel, das hat keine Noth.
4415
Hier ist ein Fläschchen! Drey Tropfen nur
4416
In ihren Trank umhüllen
4417
Mit tiefem Schlaf gefällig die Natur.
4418
Margarete.
4419
Was thu' ich nicht um deinetwillen?
4420
Es wird ihr hoffentlich nicht schaden!
4421
Faust.
4422
Würd' ich sonst, Liebchen, dir es rathen?
4423
Margarete.
4424
Seh' ich dich, bester Mann, nur an,
4425
Weiß nicht was mich nach deinem Willen treibt,
4426
Ich habe schon so viel für dich gethan,
4427
Daß mir zu thun fast nichts mehr übrig bleibt.
4428
(ab.)
4429
Mephistopheles tritt auf.
4430
Mephistopheles.
4431
Der Grasaff'! ist er weg?
4432
Faust.
4433
Hast wieder spionirt?
4434
Mephistopheles.
4435
Ich hab's ausführlich wohl vernommen.
4436
Herr Doctor wurden da katechisirt;
4437
Hoff' es soll Ihnen wohl bekommen.
4438
Die Mädels sind doch sehr interessirt,
4439
Ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch.
4440
Sie denken, duckt er da, folgt er uns eben auch.
4441
Faust.
4442
Du Ungeheuer siehst nicht ein,
4443
Wie diese treue liebe Seele
4444
Von ihrem Glauben voll,
4445
Der ganz allein
4446
Ihr selig machend ist, sich heilig quäle,
4447
Daß sie den liebsten Mann verloren halten soll.
4448
Mephistopheles.
4449
Du übersinnlicher, sinnlicher Freyer,
4450
Ein Mägdelein nasführet dich.
4451
Faust.
4452
Du Spottgeburt von Dreck und Feuer!
4453
Mephistopheles.
4454
Und die Physiognomie versteht sie meisterlich.
4455
In meiner Gegenwart wird's ihr sie weiß nicht wie,
4456
Mein Mäskchen da weissagt verborgnen Sinn;
4457
Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie,
4458
Vielleicht wohl gar der Teufel bin.
4459
Nun heute Nacht --?
4460
Faust.
4461
Was geht dich's an?
4462
Mephistopheles.
4463
Hab' ich doch meine Freude d'ran!
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